Einführung in die Unitäre Wahrnehmung

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Universität Guadalajara (Mexiko).

Rubén Feldman-González – 2. Februar 2006

Einführung:

Die Menschheit entdeckt im 20. Jahrhundert, dank Jiddu Krishnamurti und denen sich ab März 1975 über 10 Jahre hinweg erstreckenden Dialogen zwischen ihm, Prof. David Bohm und dem Autor dieses Textes, die Unitäre Wahrnehmung wieder. Was wiederentdeckt wird (für diejenigen, die sich ernsthaft mit diesem Thema beschäftigen), ist eine Gehirnfunktion, die seit fast 800'000 Jahren nicht benutzt wurde. Es handelt sich hierbei um das komplette Erwachen, das erfolgt, nachdem das Individuum bereits aus dem Schlaf aufgewacht ist. Nach dem Aufwachen aus dem Schlaf hat das Individuum also potentiellen Zugang zu einem zweiten und kompletten Erwachen (während des bewussten Wachzustandes), das die komplette Inkarnation in den eigenen Körper darstellt. Dieses komplette Erwachen, die komplette bewusste Inkarnation in den eigenen Körper, ist die Unitäre Wahrnehmung.

In den bereits erwähnten zehnjährigen Dialogen mit Jiddu Krishnamurti und David Bohm, nannten wir sie zuerst "Dreieckiges Bewusstsein". Die intensive Beobachtung macht das Beobachtete und den Beobachter irrelevant. Als wir verstanden, dass diese intensive Beobachtung der wichtigste Aspekt des Bewusstseins ist, begannen wir sie "Unitäre Wahrnehmung" zu nennen, was aus dem Standpunkt der Epistemologie gesehen, korrekter ist. Das Wort "Bewusstsein" hat in der heutigen Psychologie keine standfeste Definition. Die Theorien über das Bewusstsein sind fragmentiert und wirr, da die Sprache selbst das Bewusstsein limitiert und verzerrt. Immer noch wird das Wort "Bewusstsein" mit den Worten Geist, Gedächtnis, Verhalten, Bewusstseinszustand, Ich (Ego), Emotion, Denken und Wissen verwechselt.

In der "Unitären Wahrnehmung" existiert nur die intensive Beobachtung, in der das "Ich" genannte Produkt des Denkens (das manchmal notwendig ist) sich auflöst.

Ein gewisser Johannes hat mir erzählt, dass er nach dem morgendlichen Aufwachen eben Johannes, und nicht Rubén, ist. Aber der johannes (klein geschrieben) aus den Träumen des schlafenden Johannes (groß geschrieben) verschwindet, wenn Johannes (groß geschrieben) aufwacht. Und wenn Johannes (groß geschrieben) von seinem gewöhnlichen Wachzustand in Fragmentärer Wahrnehmung (Bereich C) in den wahren Wachzustand des Bereiches B, in Unitärer Wahrnehmung, übergeht, verschwindet auch dieser Johannes (groß geschriebene). Das heißt: in der puren Wahrnehmung verschwindet der Beobachter.

Im funktionalen Bereich C organisiert das "Ich" die Erinnerungen um vorhersagen und handeln zu können. Sogar dieses funktionale "Ich" kann in Unitärer Wahrnehmung verschwinden, wenn es nicht notwendig ist, vorherzusagen oder zu handeln. Es gibt allerdings kein anatomisches Nervenzentrum, das als das "Ich" fungiert. Das Gedächtnis erschafft das "Ich", um selbst fortzubestehen, aber es gibt kein Nervenzentrum mit dem Namen "Ich". Das "Ich" ist ein Produkt des Denkens, nicht mehr und nicht weniger.

Die Unitäre Wahrnehmung ist nicht einfach Sinneswahrnehmung. Mit ein wenig sprachlicher Flexibilität muss man zwischen der Interpretation, die während der Sinneswahrnehmung stattfindet, und der Abwesenheit von Interpretation in Unitärer Wahrnehmung unterscheiden.

In Unitärer Wahrnehmung findet die Wahrnehmung statt, BEVOR die Interpretation des Denkens eintritt.

Die Notwendigkeit von Studium und Dialog:

Die ungeheure Wichtigkeit dieser Wiederentdeckung verdient ein ernsthaftes Studium der Literatur über dieses Thema, sowie einen ständigen Dialog, um klarzustellen, was Unitäre Wahrnehmung ist und was nicht.

Anmerkung des Übersetzers: Für eine komplette, aktualisierte Liste von Werken über das Thema kontaktieren Sie bitte Holokinesis Libros (hkl_cf@yahoo.com) oder besuchen sie die Website http://www.holokinesislibros.com/)

Da es sich um eine Funktion des Gehirns handelt, ist die Unitäre Wahrnehmung nicht nur die Essenz der Psychotherapie – sie ist weder Theorie noch Philosophie und auch keine psychologische Technik – sondern eine bisher noch nicht von der akademischen Psychologie untersuchte mentale Tatsache, so wichtig wie das Gedächtnis und das Denken.

Auch wenn die Unitäre Wahrnehmung ausschließlich in der unmittelbaren Gegenwart stattfindet, so ist es dennoch nicht richtig zu sagen, dass es sich bei ihr darum handelt, in der Gegenwart zu leben.

Die Gegenwart kann in drei verschiedenen mentalen Bereichen gelebt werden: C, B und A.

Oft habe ich gesagt, dass die Unitäre Wahrnehmung die wichtigste Tatsache der menschlichen Psyche ist. Dies mag sich wie "absolutistischer Fanatismus" anhören, aber in Wirklichkeit versuche ich nur über etwas zu informieren, das ich selbst in meiner eigenen Erfahrung erlebt habe – nicht über etwas, das ich in Büchern gelesen habe.

Obwohl ich versuche das Benutzen von Metaphern zu vermeiden, damit über etwas derart Wichtiges keine Verwirrung verbreitet wird, spreche ich in etwas metaphorischer Art und Weise davon, dass es drei psychologische Bereiche gibt, von denen wir allerdings nur einen kennen.

Bereich C:

Wir nennen diesen psychologischen Bereich, der unser psychologisches Gefängnis und gleichzeitig alles was wir kennen ist, den "Bereich C". In diesem kleinen psychologischen Zirkel ist Platz für die Sprache, das Symbol, die Nummer, das Gedächtnis, die Vorstellungskraft, die Fantasie, das Denken, den Glauben, die Ideologien, die Wissenschaft, die Metaphysik sowie die östliche und die westliche Philosophie. Man kann sagen, dass der Bereich C alles Bekannte ist (das bedeutet: pures Denken).

Das östliche Denken ist auch Denken  – und mit dem Denken lässt es sich nicht über das Denken hinaus gehen.

Aber jenseits allen Denkens und aller Worte, jenseits des “Ichs”, gibt es in unserem eigenen Geist (engl.: "mind") die Unitäre Wahrnehmung. Anmerkung des Übersetzers:  Das Wort Geist wird hier als Übersetzung des spanischen Wortes „mente“ bzw. des englischen Wortes „mind“ benutzt. Hierbei ist mit Geist die Gesamheit der menschlichen Psyche gemeint, die mit der gebräulichen Übersetzung des Wortes „mind“ als „Verstand“ nicht vollständig deutlich wird.

Die Tempel, die sogenannten religiösen Organisationen, die Hierarchien und die unentgeltlichen oder auch kostenpflichtigen Riten und Rituale der sogenannten “Kirchen” oder religiösen Organisationen, sind nicht mehr als Produkte des Denkens und nicht mehr als Teile des Bereiches C – alles was wir kennen.

Das Heilige beginnt jenseits des Bekannten, sobald wir alles Bekannte hinter uns lassen und das wahre und ehrliche Leben der Unitären Wahrnehmung anfängt.

Im ursprünglichen christlichen Evangelium wurde dies mit dem griechischen Wort „metanoia“ untersucht, was soviel bedeutet wie „über alles Bekannte hinaus gehen“, aber als „Reue“ oder „Bekehrung“ falsch übersetzt wurde.

Zu begreifen, dass 99% der Menschen auf dem ganzen Planeten im Bereich C des Geistes geboren werden, leben, sich fortpflanzen, sich bilden und sterben, kann sehr bewegend sein: ein Leben, das ausschließlich im Gedächtnis, im Denken, in der Vorstellung und im „Ich“ gelebt wird.

Die Sprache des Bereiches C:

Die egozentrische, hypnotische und temporale (zeitliche) Sprache, die im (nur im Bereich C gelebten) alltäglichen Leben verwandt wird, beginnt zu verschwinden sobald man im Bereich B lebt.

Diese drei Sprachformen werden in den Hypnosetechniken und den Techniken der Psychotherapie verwandt, welche alle Produkte des Denkens sind.

Bereich B:

Allerdings existiert noch ein anderer psychologischer Bereich, den wir den “Bereich B” nennen können – der gute Bereich (aus dem Spanischen: la bóveda buena – der gute Bereich).

Seine Gesetze und Funktionsweise sind nicht jene des Bereiches C.

Der Beobachter (Sie und ich) kann über den Bereich B nachdenken und reden, aber auf diese Weise tritt man nicht in diesen guten psychologischen Bereich ein. Über den Bereich B nachzudenken und zu sprechen ist immer noch der Bereich C.

Dieser Bereich B ist der Bereich der Unitären Wahrnehmung, welche ich folgendermaßen definiere: Alles Wahrnehmbare komplett und zur gleichen Zeit wahrnehmen mit dem Geist in völliger Stille.

Wenn das Denken und die gedachte Sprache fortbestehen (obwohl man versucht sie für einen Moment zurückzuhalten), so muss man das gedachte Wort und Bild einfach wahrnehmen, als wären sie ein weiteres Geräusch.

Derjenige, der in Unitärer Wahrnehmung (zu-)hört, hört nicht „irgendetwas“ zu. Alles Hörbare  wird zur gleichen Zeit wahrgenommen, in mentaler Stille und ohne die Geräusche zu benennen.

Meine gesamte Literatur handelt von diesem Thema, das ich für das wichtigste Thema für die Menschheit halte: die Unitäre Wahrnehmung.

Bereich A:

Wenn man im Bereich B lebt (dem Bereich, der den Bereich C einschließt), nicht als eine Technik, die man für einige Momente praktiziert, sondern als eine ständige Art zu leben, dann kann als Kontingenz (und nicht als Konsequenz) der Bereich A auftreten, den ich "Jenes" nenne (vom Spanischen „Aquello“), da er sich weder beschreiben noch definieren lässt. "Jenes" ist wie der himmlische Bereich der Psychologie.


Dieser Bereich A ist das kosmische Bewusstsein, der universelle Geist, den man psychologisch als Harmonie, Ordnung, Lebensfreude, grundlose Zufriedenheit, große Energie im ganzen Körper und als Liebe für alle Lebewesen wahrnimmt.

Ich habe den Bereich A erlebt und er ist zweifellos etwas Gesegnetes und Unaussprechliches.

Als ich versucht habe meine Erfahrung im Bereich A für meine Freunde auf dem ganzen Planeten zu beschreiben, sagten mir meine christlichen Freunde, dass der Heilige Geist zu mir gekommen wäre. Meine indischen Freunde sagten mir ich wäre ein Boddhisatva Viriadika.